Onlineausgaben "Gemeindebrief" & "Monatsgruß"

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Geistliches Wort

Ist das noch Kirche oder kann das weg? 

Liebe Gemeindemitglieder,

auf viele Fragen gibt es klare Antworten. So ist die Antwort auf die Frage, was wir am 24.12. eines jeden Jahres feiern, vermutlich jedem klar und auch wie man sich bei einer roten Ampel verhält, ist klar definiert. Hier gibt es wenig bis gar keine Diskussionen. Anders verhält es sich mit der Frage: Was macht eine kirchliche Veranstaltung aus? Oder noch zugespitzter: Ist das überhaupt noch Kirche? 

Dass die Frage gerade in unserer heutigen Zeit immer öfter ans Licht kommt, ist wenig verwunderlich. Neue Formen von Kirche werden gesucht. Man möchte auf die aktuellen Lebenswelten besser reagieren. Menschen endlich wieder erreichen und vor allem wieder sprachfähig werden. Dafür werden mitunter kreative Formen gesucht, wie etwa U-Bahn-Gottesdienste mit Abendmahl, bestehend aus Cola und Burger. Aber auch in unserer Gegend kann man nicht mehr voraussetzen, dass Menschen einfach zu uns kommen. Auch wir brauchen neue Formen, neue Ideen und müssen über den Tellerrand schauen. Und dabei stellt sich unweigerlich irgendwann die Frage: Wie weit kann ich gehen? Und was hat das dann eigentlich noch mit Kirche, mit der Grundaufgabe der Verkündigung, zu tun? 

Ich habe in letzter Zeit selten eine Frage erlebt, über die so kontrovers und emotional diskutiert wird. Und das ist absolut verständlich, denn jeder und jede von uns erlebte Kirche in der Vergangenheit anders, bringt andere Vorerfahrungen mit. Alle Erlebnisse haben unser Bild von Kirche geprägt und konstituiert.

Und so erlebe ich es öfter, dass nach Kriterien, sozusagen Qualitätsmerkmalen gesucht wird, wann etwas wirklich noch Kirche ist. 

Doch die Wirksamkeit von Verkündigung ist nicht messbar. Zumindest nicht sofort. Von daher machen Qualitätskriterien wenig Sinn. Verkündigung ist weit mehr als Predigt; reden wir daher lieber von der Kommunikation des Evangeliums, die sowohl implizit, als auch explizit stattfinden kann. 

Ansprechend erscheint mir die Aussage: Verkündigung ist überall dort, wo Gottes Gegenwart zum Ereignis wird. Was bringt mir die schönste Predigt mit einem theologisch starken Inhalt, wenn einfach in diesem Moment der Funke nicht überspringen mag? Wenn das Gesagte nicht Ereignis wird, wenn es nicht mit Leben gefüllt wird, wenn es keinen Gehalt für meine Zuhörer hat. Nichts. Rein gar nichts bringt es dann. Und ich bin zudem auch der Meinung, dass die Verkündigung der frohen Botschaft auch an vielen anderen Stellen ihren Platz gefunden hat. Im Elternhaus, wenn Kinder von ihren Eltern Geschichten aus der Bibel vorgelesen bekommen, wenn ihnen Glaube einfach aktiv vorgelebt wird und sie so im christlichen Glauben groß werden. In diakonischen Einrichtungen, in denen Menschen liebevoll und menschlich behandelt werden und spüren: Hier bin ich willkommen. In der Arbeit mit Benachteiligten und Kranken, mit Flüchtlingen und Obdachlosen. In der Kinder- und Jugendarbeit einer Kirchengemeinde, wenn Kinder spüren: Hier bin ich wer, ohne etwas leisten zu müssen. Hier zählen nicht Noten und Leistung, keine soziale Herkunft, sondern hier darf ich einfach ich sein. 

Und dieser Funke, der in den unterschiedlichen Formaten einer Kirchengemeinde überspringen kann, ist nicht immer ersichtlich. Manchmal sprühen Menschen nur so vor Gottes Botschaft, ja sprudeln schier über. Aber weitaus häufiger dauert es Jahre, bis ein Samen, der gepflanzt wird, keimt und wachsen kann. Das stimmt mich in der Konfirmationsarbeit immer sehr optimistisch. Natürlich, nicht viele Jugendliche bleiben danach dabei. Sind noch sichtbar. Und doch bin ich der Meinung: wir haben etwas in ihnen bewegt. Sie haben Gottes Botschaft gehört. Und wenn es an der Zeit ist, kann diese wirken. 

Und doch gibt es ein Kriterium, an dem sich alle christliche Arbeit messen lassen muss: ob sie der Sache Gottes dient. Oder in Worten der Barmer Theologischen Erklärung formuliert: 

„Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“

Die Verfasser der Barmer Theologischen Erklärung richten sich mit ihrem Papier gegen die falsche Theologie und das Kirchenregime der so genannten „Deutschen Christen“, die damit begonnen hatten, die evangelische Kirche der Diktatur von Hitler anzugleichen. So macht die Erklärung in eindrücklicher Weise deutlich, dass allein Christus Fundament unserer Kirche ist und wir in unserem Tun und Denken alleine seiner Botschaft und nicht weltanschaulichen und politischen Überzeugungen verpflichtet sind.  

So wäre es vielleicht ein guter Weg, als einziges Qualitätsmerkmal die Frage zuzulassen: Dient dieses Angebot der Verkündigung (und sei sie noch so implizit) der Botschaft von Jesus Christus? Und dann dem Heiligen Geist Raum zum Wirken zu geben. Denn der weht bekanntlich eh, wo er möchte. 

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich, 
Kristin Orth